Datum/Zeit:
Datum - 08/03/2018
19:30 - 21:00

Ort:
Genossenschaft Kalkbreite (Flex 3)

Kategorien:


Dazu zwei Zitate des „Neuen Phänomenologen“ Hermann Schmitz:

Als ich die Weltspaltung durchschaut hatte, (…) erfasst mich die philosophische Aufgabe meines Lebens: die unwillkürliche Lebenserfahrung – d.h. alles, was Menschen merklich wiederfährt, ohne dass sie es sich absichtlich zurechtgelegt haben – zusammenhängendem Begreifen wieder dadurch zugänglich zu machen, dass ich die wichtigsten Massen dieser Lebenserfahrung aus der Introjektion in die privaten Innenwelten zurückholte, aus der Vergessenheit, der sie durch die absichtliche oder vielmehr zum größten Teil unabsichtliche Verpackung in die Seele und Versteckung in deren Ecken und Winkel verfallen waren. (Hermann Schmitz)

 

Gefühle sind räumlich ausgedehnt. Diese These wäre unverständlich oder gar komisch, wenn sie an die Vorstellung von Räumen appellierte, in denen es Lagen, Abstände, Koordinatensysteme relativer Orte (…) gibt. (…) Ein guter Einstieg ist die Besinnung auf die Räumlichkeit des Schalls. Schälle haben (sozusagen qualitativ, ohne Rücksicht auf die Reichweite ihrer Hörbarkeit) Volumen (etwa als ausladender, massiger, dröhnender Glockenklang oder als heller, schriller, spitzer Pfiff), aber keine Flächen. Daher ist ihr Volumen prädimensional und unteilbar ausgedehnt. (…) Noch eindringlicher zeigt sich die Ablösung vom optischen Leitbild der Räumlichkeit am akustischen Gegenpol des Schalls, an der Stille. Diese kann hochprägnante Merkmale räumlicher Ausdehnung besitzen, etwa als feierliche oder zarte oder lastende oder brütende Stille. Die zarte Stille eines heiteren Morgens ist weiter, aber nicht so dicht, schwer und massig als wie die dumpfe, brütende Stille des heissen Mittags (…). In diesem Sinn sind die Gefühle räumlich, wie die Stille oder das Wetter. (…) In Wirklichkeit ist das klimatische Spüren meine mindestens so eigenartige und geschlossene Wahrnehmungsweise wie das Sehen, Hören oder Riechen (…). Das merkt jeder, wenn es z.B. schwül oder nasskalt oder frühlingshaft lau ist, am eigenen Leibe, als etwas, das ihn in vielfältig modifizierter Weise bedrängt oder beflügelt, aber nicht im eigenen Leib sitzt, sondern diesen in unbestimmter Weite umgibt und heimsucht. Es liegt dann gleichsam in der Luft (…); dieser Sinn hat aber auch mit der Luft als physischem Stoff – einem im Zuge der Naturforschung hinzugedachten Gas – nichts zu tun, jedoch damit, wie Atmosphären der Verlegenheit und Betretenheit (in die jemand ahnungslos hineinplatzt), der Albernheit, der gespannten Erwartung und fiebrigen Aufregung (z. B. in der Schlacht), der Lustlosigkeit (morgens bei trübem Nebel im Häusermeer einer schmutzigen Grossstadt), des festlichen Behagens (Weihnachten in der Familie) usw. in der Luft liegen können. (…) Gefühle sind anspruchsvolle, ortlos ergossene Atmosphären. Sie gehören einer tieferen Schicht von Räumlichkeit an als dem Ortsraum, an den sich sowohl die Naturwissenschaft und die herrschende Meinung der traditionellen Philosophie als auch die davon geprägte gemeine Weltanschauung hält, mit Einstellung auf das Sehen fester Körper. (Hermann Schmitz)

Moderation: Albert Hoffmann

Kosten: 20.- (15.-)  CHF

Café Philo: Wo wohnen die Gefühle?